In mehreren Beiträgen habe ich über die Geschehnisse rund um die Gründung des Deutschen Forum für Mediation e.V. (DFfM) berichtet. Dr. Dieter Kostka, ein langjähriger Kenner der Mediationsszene, nimmt nun in einem offenen Brief sehr persönlich und fundiert Stellung. Insbesondere werden in seinem offenen Brief die Funktionäre der Bundesarbeitsgemeinschaft für Familien-Mediation (BAFM) angesprochen. Der vollständige Brief von Dr. Dieter Kostka lautet (eine PDF-Version finden Sie auch am Ende des Beitrages):
Im März 2004 fand auf Einladung des Vorstands der BAFM erstmals ein Treffen von Vertretern verschiedener Organisationen statt, die sich in Deutschland mit Mediation befassen (anfangs acht Mediationsverbände, drei Universitätseinrichtungen und eine privatwirtschaftliche GmbH). Dies geschah zunächst unter dem ehrgeizigen Arbeitstitel „Dachverband Mediation in Gründung“, welcher ausdrücklich als Zusammenschluss der deutschen Mediationsverbände gedacht war. Die BAFM hat immer Wert darauf gelegt und auch nach außen betont, dass diese Initiative von ihr ausgegangen war. Da sich ein formaler Zusammenschluss nicht gleich realisieren ließ, wurde einstweilen eine lose regelmäßige Kooperationsrunde unter dem Titel „Deutsches Forum für Mediation“ bzw. „DFfM“ etabliert, die seither mehrmals getagt hat.
Nach vielen Diskussionen und teilweise anstrengendem Ringen hat sich dieses „Deutsche Forum für Mediation“ nun im Mai 2009 endlich auch formal als eingetragener Verein gegründet, darunter als Gründungsmitglieder zunächst acht Mediationsverbände, eine Universitätseinrichtung, ein privatwirtschaftlich tätiger Verein und eine von diesem getragene Ausbildungseinrichtung – allerdings nur zum Teil dieselben wie anfangs 2004. Dezidiert haben sich die BAFM, der Bun-desverband Mediation in Wirtschaft und Arbeitswelt e.V. (BMWA) und der Bundesverband Mediation e.V. (BM) nicht an der Gründung beteiligt; drei weitere Organisationen überlegen noch, dafür waren andere hinzugekommen. Nur vier Tage später hat der Vorstand der BAFM dem DFfM e.V. dann mit einer Unterlassungsklage hinsichtlich der Verwendung des Namens „Deutsches Forum für Mediation (DFfM)“ gedroht.
Das spricht einerseits Bände hinsichtlich der Fähigkeit zur konstruktiven Verständigung und Vermeidung von Rechtsstreiten unter den offiziellen Protagonisten derselben (irgendwo zwischen Stufe 4 und 6 von 9 des berühmten Eskalationsmodells von Friedrich Glasl und daher für Mediation tendenziell besonders geeignet…), und wirft andererseits vor allem viele Fragen auf. Dazu zunächst ein Blick auf einige Verlautbarungen und Äußerungen der BAFM-Funktionäre.
Die Vertreter der BAFM haben wiederholt erklärt, dass ihnen eine möglichst weitreichende Zusammenarbeit der deutschen Mediationsvereinigungen wichtig sei. Dieser gewissermaßen „ökumenische“ Anspruch ist auch – was keineswegs selbstverständlich ist - direkt als ein Vereinszweck in der Satzung der BAFM verankert: „Zusammenarbeit mit überregionalen Institutionen und Diensten, die sich mit Mediation bzw. mediationsähnlichen Verfahren auf anderen Sektoren … beschäftigen.“ Schon in der o.g. ersten Sitzung des vor allem vom Vorstand der BAFM angedachten „Dachverbands Mediation in Gründung“ äußerte daher deren Vertreter, Herr Christoph Paul, die – m. E. sympathische und einem Mediator gut zu Gesicht stehende - Auffassung, „die Vielfalt solle unter einem nicht zu engen Hut gewährleistet sein“. Fünf Jahre später, in der 2. Ausgabe 2009 der Verbandsinformationen der BAFM schreibt Herr Paul ähnlich, es stünden für den im November 2008 neu gewählten Vorstand der BAFM für die nächsten Jahre „zwei Arbeitsbereiche besonders im Zentrum: die Mitarbeit am nationalen Mediationsgesetz sowie die Kooperation mit anderen Mediationsverbänden“. Das klingt nach konsequenter Kontinuität – sehr löblich!
Nahezu zur selben Zeit (März 2009) schreibt Herr Paul im Vorfeld einer erneuten Sitzung des von ihm maßgeblich mit ins Leben gerufenen Deutschen Forums für Mediation andererseits an die anderen Teilnehmer:
„Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen des DFFM, wie Sie wissen, tagt seit dem letzten Jahr bei dem Bundesministerium der Justiz eine Expertenrunde zur Umsetzung der EU-Mediationsrichtlinien in ein nationales Mediationsgesetz. In diesem Gremium sind fast alle Verbände des DFFM vertreten. Wir haben uns entschieden, unsere Kräfte zunächst einmal auf dieses Vorhaben zu konzentrieren und möchten daher unsere Mitgliedschaft im DFFM vorläufig ruhen lassen. Wir danken für die kollegiale Zusammenarbeit der vergangenen Jahre, die wir in vielen individuellen Projekten ohnehin fortsetzen. Die im DFFM geknüpften Kontakte werden wir weiterhin gerne mit Leben erfüllen.“
Als Mediator habe ich gelernt, dass man sein Gegenüber ernst nimmt und ggf. nachfragt. Habe ich also richtig verstanden, dass zumindest die Funktionäre der BAFM ihr fünf Jahre lang vehement propagiertes Ziel der Kooperation der Mediationsverbände (vormals: Zusammenschluss derselben) ganz kurzfristig fallengelassen haben, weil sie – so klingt es - fürchten, dass sie das sonst überfordern würde, und weil man sich in der Expertenrunde beim BMJ ja sowieso in einschlägiger Weise trifft? Wenn ja, wie genau wollen sie nun stattdessen die „im DFfM geknüpften Kontakte weiterhin gerne mit Leben füllen“? Auf weniger kraftzehrende Weise? Wie mag das gehen?
Festzuhalten ist jedenfalls, dass der Vorstand der BAFM deren Mitwirkung im DFfM („Mitgliedschaft“, wie Herr Paul schreibt, ist nicht ganz korrekt, weil das eine Rechtsform suggeriert, die das DFfM bisher ja gar nicht hatte) einstweilen ausdrücklich suspendiert, aber noch nicht formell beendet hat. Ich verstehe das so, dass er keine Pflichten mehr haben, aber trotzdem alle Rechte behalten möchte. Aha. Ja, so etwas wünsche ich mir im Alltag auch manchmal; leider sehen das meine Mitmenschen bloß selten ein. Außerdem trifft es meines Wissens (Quelle: http://www.adr-blog.de/?p=381) auch nicht annähernd zu, dass in der Expertenrunde beim BMJ „fast alle Verbände des DFFM“ vertreten sind. Wenn man davon absieht, dass ein paar Angehörige dieses Gremiums persönlich, das heisst in ganz anderer Rolle (das sollte man trennen!), auch Mitglied in Mediationsvereinigungen sind, die im DFfM mitgearbeitet haben oder mitarbeiten, gehören diesem Gremium neben etlichen Verbänden, die keine Mediationsverbände sind, einzelnen Mediationsexperten und einigen Län-dervertretern gerade mal die drei o.g Verbände BAFM, BMWA und BM sowie der Deutsche Anwaltverein an und sonst keine einzige der im Kreis des DFfM mitwirkenden Institutionen! Hat Herr Paul da einen blinden Fleck? Das würde ihn nicht gerade dazu prädestinieren, die Belange der deutschen Mediationsszene gegenüber dem Staat zu vertreten.
Einen bzw. eineinhalb Monate später – die besagte DFfM-Sitzung nahte - erreichten die verbliebenen Teilnehmer des DFfM noch zwei weitere, nahezu wörtlich gleichlautende Sitzungs-Absagen erst vom Vorstand des BMWA und dann vom Vorstand des BM. Frau Wurl (BMWA) schreibt:
„… liebe Kolleginnen und Kollegen, für die Einladung zum nächsten Treffen des DFFM bedanken wir uns. Leider beansprucht die Mitwirkung am Gesetzgebungsverfahren iVm. den anderen Vorstandspflichten derzeit die volle Kapazität der ehernamtlich tätigen Vorstände. Eine Teilnahme ist daher derzeit nicht möglich und wird sich voraussichtlich auch für die nähere Zukunft schwierig gestalten. Wir bitten insoweit um Verständnis und wünschen viel Erfolg für das Treffen.“
Frau Hohmann (BM) schreibt:
„Sehr geehrter Herr Kollege …, ich danke für Ihre Einladung zum Treffen am 1. Und 2. Mail 2009. Die Mitglieder des BM-Vorstandes sind durch ihre Teilnahme an der Expertenrunde im BMJ derzeit zeitlich sehr eingebunden, so dass wir zum nächsten Treffen leider nicht erscheinen können und werden während der Dauer dieser Mitwirkung voraussichtlich auch in Zukunft nicht erscheinen. Bitte informieren Sie uns dennoch über die weitere Entwicklung. Ich wünsche Ihnen bei dem nächsten Treffen viel Erfolg.“
Also die Überlastung scheint groß und weitverbreitet - so groß, dass man zwecks Zeitersparnis schon bei einfachen Terminabsagen voneinander abschreiben muss? Wenigstens ist mir von diesen beiden Verbänden nicht bekannt, dass sie dem Thema „Kooperation mit anderen Mediationsverbänden“ so hohe Priorität eingeräumt hatten wie weiland die BAFM. Festgehalten werden kann aber, dass der BMWA und der BM – anders als die BAFM – immerhin ihre Mitwirkung im DFfM nicht suspendiert oder beendet haben, sondern ihm im Gegenteil Erfolg wünschen, und dass der BM auf dem Laufenden gehalten werden möchte. Das freut mich persönlich besonders, weil ich seit sehr vielen Jahren (1994) selbst unter anderem auch Mitglied im BM bin (damals hieß der noch einfach nur „Mediation e.V.“ und war so klein und idealistisch wie es heute noch der Förderverein Mediation im öffentlichen Bereich ist, den es damals auch noch gar nicht gab) und dort viele beeindruckende Menschen kennenlernen durfte einschließlich Frau Hohmann.
Ausdrücklich hat der „Deutsches Forum für Mediation e.V.“ daraufhin im Vorfeld seiner konstituierenden Sitzung und noch einmal in der Sitzung selbst alle Mediationsverbände und –einrichtungen, die sich noch nicht gleich zur Mitgliedschaft entschließen konnten, eingeladen, diesen Schritt dann später noch nachzuholen, und die ferngebliebenen bisherigen DFfM-Teilnehmer umgehend über die Ergebnisse der Sitzung informiert. Und auch in der Satzung des DFfM e.V. wird diese Offenheit nochmals eigens betont.
So weit, so gut; nun gilt es, auf möglichst breiter Basis gemeinsam weiterzuarbeiten und zugleich offen und einladend abzuwarten, was die anderen Mediationsvereinigungen tun, die dem DFfM e.V. noch nicht beigetreten sind.
Zumindest der Vorstand der BAFM hat sofort reagiert: einmal bereits am Vortag der konstituierenden Sitzung des DFfM e.V., und noch einmal gleich am zweiten Werktag nach dieser Sitzung – anscheinend war diese den BAFM-Funktionären trotz aller Arbeitsüberlastung doch irgendwie wichtig. Das erste Schreiben ist ein Statement gegen die Absicht, das lose DFfM in einen eingetragenen Verein umzuwandeln. Darin begrüßt die BAFM-Geschäftsstelle zunächst noch einmal den professionellen Austausch innerhalb der deutschen Mediationsszene und betont einmal mehr ihre eigene Initiative dazu. Anschließend wird auf unterschiedliche inhaltliche Vorstellungen innerhalb des DFfM Bezug genommen, die meiner Meinung nach in der Tat ausdiskutiert werden müssen – dazu ist so ein Forum ja schließlich gerade auch da – und konstatiert, dass man deswegen und insbesondere wegen des Ziels des DFfM, unter vielen anderen eben auch die Aufgabe einer Zertifizierungsstelle für Mediatoren wahrzunehmen, die Gründung des DFfM e.V. so nicht mittragen könne. In diesem Zusammenhang wird einigen der im Laufe der Zeit hinzugekommenen DFfM-Teilnehmern mehr oder weniger die Eigenschaft abgesprochen, anständige MediatorInnen zu sein:
„In diesem Zusammenhang sei darauf verwiesen, dass einige der nunmehr als Mitglieder des Deutschen Forums genannten Organisationen nicht einmal die Kriterien der EU-Richtlinie für Mediation erfüllen und somit auch kaum geeignet sind, an dem Prozess der Zertifizierung im Rahmen des nationalen Gesetzgebungsverfahrens mitzuwirken. … Die BAFM vermag in der inzwischen erreichten Zusammensetzung des Deutschen Forums insbesondere im Hinblick auf Qualifikation und Ausbildungsstandards keine Vereinbarkeit zu erkennen. Die Mitwirkung im Deutschen Forum werden wir daher weiterhin ruhen lassen.“
Das ist starker Tobak und atmet einen Hochmut gegenüber den „Glaubensgeschwistern“, den ich sonst ähnlich nur vom „real existierenden Katholizismus“ her kenne und der – pardon, ich kann das nicht anders nennen – einer Mediationsvereinigung unwürdig ist. Ob diese Kritik inhaltlich zutrifft, mag ich nicht beurteilen; ernsthaft diskutiert werden muss sie schon. Dazu wäre allerdings ein gemeinsames, sich gegenseitig wertschätzendes Ringen um ein wechselseitiges und im Ergebnis idealerweise wiederum gemeinsames Verständnis angesagt, wie es ja eben der Mediation zu eigen ist; und so etwas könnte gerade innerhalb eines Vereins gut ausgetragen werden. Bei „Kirchens“ nennt man so ein Vorgehen „synodal“ (= sich gemeinsam auf dem Weg befindend). Stattdessen verweigert sich der Vorstand der BAFM einfach beleidigt und verzichtet so auf die Möglichkeit, die anderen Teilnehmer des DFfM von seiner Auffassung zu überzeugen oder gemeinsam eine neue zu entwickeln. Das ist sehr menschlich und entspricht in der Evolution der Konfliktlösungsmuster nach Gerhard Schwarz der ersten und zugleich primitivsten von sechs Stufen, nämlich der Flucht. Nun könnte man denken: Schade, aber na gut; wer nicht will, der hat schon. Aber Schwarz zeigt in seinem Modell auch, dass dann, wenn das Muster Flucht nicht mehr funktioniert, die nächste, zweitprimitivste Evolutionsstufe ausprobiert wird: die Vernichtung des Gegners. Dazu gleich mehr.
Ein weiter Kritikpunkt der BAFM-Funktionäre ist das mit der Vereinsgründung eingeführte neue Prinzip des DFfM, dass es einfache Mehrheitsentscheidungen geben kann, bei denen jedes Mitglied „unabhängig von der Größe der jeweiligen Organisation eine Stimme hat“ (sic!); das sei nicht praktikabel. Dieses Prinzip war im Rahmen einer losen Kooperationsrunde, wo es nichts formal abzustimmen gibt, nicht notwendig, und vielleicht ist es ja wirklich nicht das Ei des Kolumbus – das wird sich in der Praxis zeigen. Jedenfalls zeugt es von wechselseitiger Wertschätzung auf Augenhöhe und gewährleistet einen Minderheitenschutz, der bei so unterschiedlichen Mitgliederstärken für die „Einheit in Vielfalt“ im Verein unverzichtbar ist. Auch Bremen und Malta im haben Bundesrat bzw. im Rat der Europäischen Union aus gutem Grund einen höheren Stimmen- als Bevölkerungsanteil (und müssen trotzdem sogar weniger bezahlen - gegen die momentan für alle gleich hohen Mitgliedsbeiträge im DFfM wenden sich die BAFM-Funktionäre dagegen nicht!). Das von den BAFM-Funktionären favorisierte Einstimmigkeitsprinzip wird dagegen, sobald es innerhalb einer nicht mehr völlig unverbindlichen Struktur praktiziert wird, zum Blockade- und somit erpresserischen Machtinstrument für jeden, der keine Lust hat, auf andere zuzugehen und ernsthaft seine Positionen in Frage stellen zu lassen. Das kann auch nicht angehen – so schön es denn wäre, wenn es denn schön wäre…
In dem Zusammenhang sprechen die BAFM-Funktionäre schließlich dem DFfM in seiner jetzigen Zusammensetzung noch die Berechtigung ab, weiterhin seinen Namen zu tragen. Das Schisma ist also perfekt; das ist schmerzlich. Bei dem Versuch, das zu verarbeiten, drängt sich mir nun aber folgender Gedanke auf: Was, wenn die Funktionäre der BAFM unter „Kooperation“ keine gleichberechtigte, geschwisterliche Zusammenarbeit verstehen, sondern politische Kartellbildung unter Führung der BAFM, und falls das nicht geht, wenigstens Oligarchisierung im kleineren Rahmen einer zweckgeleiteten „Entente cordiale“ Gleichgesinnter, eine Kamarilla beim BMJ?
Ich kam darauf, als ich gerade die per se ja erst einmal legitime Kritik des BAFM-Vorstands gelesen hatte an der Absicht des DFfM, als nur eine (und nicht einmal die wichtigste) von etlichen Aufgaben unter anderem auch die einer Zertifizierungsstelle für Mediatoren zu erfüllen, und mir gleichzeitig den Internet-Auftritt der BAFM anschaute. Während den bei den allermeisten Mediationsvereinigungen naheliegenderweise Bilder von irgendwelchen sich streitenden oder sich wieder versöhnenden Menschen zieren, prangt mir da bei der BAFM die Reichstagskuppel entgegen. Hat die etwas mit Familien-Mediation zu tun, und wenn ja, was? Ist die BAFM heimlich, ohne dass wir das bisher wussten, eine staatliche Einrichtung? Oder ist da vielleicht eher der Wunsch Vater des Gedankens? Kann es sein, dass das DFfM sich dummerweise schlicht und einfach angeschickt hat, eine Rolle anzustreben, die die BAFM-Funktionäre sich unausgesprochenermaßen und ungefragt selbst schon zugedacht hatten, und dass diese deswegen so empfindlich reagieren, weil sie in dem Bereich keine anderen „Götter“ neben sich dulden mögen und jetzt fürchten, die Geister sie die riefen, nicht mehr los zu werden? Manchmal ist die Welt nämlich wirklich so einfach - wie es auch Eltern meist schwerfällt zu akzeptieren, wenn ihre Jungen flügge werden. Nachtigall, ick hör dir trapsen… Hier würde ich wirklich auch in schöner Mediationsmanier die Interessen hinter den Positionen verstehen wollen!
Friedrich Glasl lehrt uns ja auch, dass Konflikte neben dem vordergründigen Versuch, ein bestimmtes Ziel zu erreichen (etwa ein bestimmtes Projekt durchzusetzen oder zu verhindern), die Funktion haben, insgesamt acht Themen zu transportieren bzw. zu beeinflussen: Inhalt (um welche Position geht es vordergründig?), Selbst-Image (wie wollen wir gesehen werden?), Gegner-Image (wie sehen wir die anderen?), Selbstverstärkung (sich selber Mut machen), Ventilfunktion (einfach „Dampf ablassen“), Erreichungsziel (was sollen die anderen tun?), Hinderziel (was sollen die anderen unterlassen?), Signalwirkung (von den anderen wahr- und ernst genommen werden). Es wäre wirklich interessant und sicher auch hilfreich zu ergründen, welche Funktionen dieser Konflikt hier so besehen hat und für wen.
Die oben geschilderte Hypothese gewinnt m. E. spätestens durch das zweite Schreiben der BAFM-Geschäftsstelle weiter an Plausibilität. Es beginnt mit einer „herzlichen“ Gratulation an den neugewählten Präsidenten eines neuen Mediationsvereins (damit ist der DFfM e.V. gemeint) und einer erneuten Bekundung, die kollegiale Kooperation fortsetzen zu wollen. Dem folgt sogleich die Feststellung, dass die fünf Teilnehmer der bisherigen losen DFfM-Runde, die dem DFfM e.V. (noch) nicht beigetreten sind (AG Mediation im Deutschen AnwaltVerein, BAFM, BM, BMWA, Centrale für Mediation), die zahlenmäßig meisten MediatorInnen in Deutschland repräsentieren würden (der Vollständigkeit halber sei hier noch erwähnt, dass dazu als sechstes Noch-Nicht-DFfM-Mitglied auch die Deutsche Gesellschaft für Mediation in der Wirtschaft zählt). Dieser Auftakt wirft bereits ein paar Fragen auf:
1. Worin genau besteht die Neuheit des DFfM e.V.?
2. Woran macht sich nach den harschen Angriffen im Vorfeld jetzt die Herzlichkeit der Gratulation fest?
3. Wie soll die kollegiale Kooperation aussehen, wenn keine Teilnahme mehr an Sitzungen des DFfM erfolgt?
4. Falls die fünf bzw. sechs o.g. Noch-Nicht-DFfM-Mitglieder tatsächlich die meisten deutschen MediatorInnen repräsentieren (wieviele genau und vor allem im Verhältnis zum DFfM, wäre noch zu überprüfen, zumal es eine erkleckliche Menge an MediatorInnen mit Doppel- und Mehrfachmitgliedschaften gibt, die man nicht einfach mehrmals zählen kann), was folgt daraus? Und inwiefern repräsentieren denn die genannten drei Unterzeichner des BAFM-Schreibens (für die BAFM: Paul, für den BM: Hohmann, für den BMWA: Wurl) auch wirklich diese „meisten der Mediatorinnen und Mediatoren Deutschlands“?
Die letztgenannte Frage dürfte allen MediatorInnen, die nicht nur dyadische Konflikte bearbeiten, als „Rückbindungsproblematik“ nur zu bekannt sein, und sie gewinnt noch aus zwei anderen Gründen hier an Bedeutung:
- Erstens ist das betreffende Schreiben zwar im Namen der drei o.g. Unterzeichner (nicht explizit der drei Vorstände) formuliert worden, versandt wurde es aber nur von der BAFM-Geschäftsstelle. Gleich oder ähnlich lautende eigene Schreiben von BM und BMWA liegen, anders als bei der weiter oben geschilderten gemeinsamen Sitzungsabsage, m. W. bislang nicht vor. Es wäre also erst noch zu verifizieren, inwiefern alle drei Verbandsvorstände die Position von Herrn Paul wirklich so mitverantworten, oder ob er vor dem Hintergrund der schon erwähnten Arbeitsbelastung in väterlicher Manier seinen beiden Kolleginnen einfach nur schon einmal Arbeit abnehmen wollte… Das wird sich ja leicht feststellen lassen.
- Zumindest beim BMWA (beim BM und der BAFM selber ja vielleicht sogar auch?) finden sich in durchaus namhafter Rolle (nicht im Vorstand, aber in der Zertifizierungskommission) Personen, bei denen ich mir nur schwer vorstellen kann, dass sie mit dem Vorgehen der BAFM-Funktionäre wirklich einverstanden sind: Marcus Brinkmann z.B., der sich in seinem „ADR-Blog“ schon mehrmals sehr kritisch genau dazu öffentlich geäußert hat, und Anita von Hertel, die sich im Wege der Doppelmitgliedschaft eben erst für die „Fördergemeinschaft Mediation D-A-CH“ in den Vorstand des DFfM e.V.(!) hat wählen lassen. Vielleicht können sich die beiden ja selber dazu erklären, damit meine Vermutung keine Unterstellung bleibt oder eben widerlegt wird. Auf jeden Fall zeigt das m.E, dass es sich lohnt, das „Sonnenkönigs-Argument“ (la médiation, c’est moi…) des BAFM-Vorstands einer genaueren Prüfung zu unterziehen.
Und dann kommt der eigentliche „Knaller“: die Klagedrohung unter Hinweis auf eine angebliche Verletzung des Namensrechts der Unterzeichner - Zitat:
„Wie Sie wissen, ist das ‚Deutsche Forum für Mediation’ seit 2004 … wiederholt in der Öffentlichkeit aufgetreten und ist Gegenstand diverser Veröffentlichungen, z.B. … Hierdurch hat der Name ‚Deutsches Forum für Mediation’ Verkehrsgeltung erlangt. Wenn Sie nunmehr diesen Namen für Ihren neuen Verein verwenden, dann geschieht dies unter Missachtung des unter unserer Mitwirkung genutzten und etablierten Namens, zudem entsteht offenkundig Verwechselungsgefahr. Damit sind wir, die BAFM, der BM und der BMWA nicht einverstanden. Wir haben uns bereits vorsorglich mit einer Schutzschrift an das zuständige Vereinsregister gewandt. Wir untersagen Ihnen und den Organen des von Ihnen vertretenen neuen Mediationsvereines hiermit ausdrücklich die Nutzung des Namens ‚Deutsches Forum für Mediation’ sowie deren Abkürzung ‚DFfM’ durch den neuen Verein. Die Unterlassung der Namensnutzung werden wir mit allen rechtlichen Mitteln durchsetzen.“
„Und willst Du nicht mein Bruder sein (oder noch besser: mein braves Kind??), dann schlag ich Dir den Schädel ein!“ - Drohung statt gemeinsamen Ringens!… Doch sogar schon Eskalationsstufe 6 nach Glasl? Und wie gesagt, der Versuch, mit dem zweiten Schwarzschen Konfliktlösungsmuster („Vernichtung“) weiter zu kommen als mit Flucht – wie unschön, einfallslos und riskant zugleich! Riskant nicht zuletzt auch deshalb, weil die Bundesregierung ja die Diskussionen und Entwicklungen in der Mediationsszene aufmerksam verfolgt und sich ihren Teil dabei denken und entsprechend handeln wird. Schlimmstenfalls könnte dabei aus dem anscheinend gehegten Traum der BAFM-Funktionäre (auch des BMWA und des BM? Wie sehen das die dortigen Vorstände?), ihr Verband sei der „primus inter pares“ der Mediationsszene, im Ergebnis eine „Primel unter Parias“ werden, falls sich die Mediationsverbände selbst durch Verhaltensauffälligkeiten allzu unmediativer Art beim BMJ diskreditieren sollten. Und das wäre nicht einmal der erste Fauxpas dieser Art in der deutschen Mediationsszene. Politisch kann man so etwas nämlich schön zum Anlass nehmen, um dann ganz andere Ergebnisse durchzusetzen, die letztlich keinem gefallen.
Zur Sache aber auch hier ein paar Anmerkungen und Fragen:
1. Der DFfM e.V. ist kein neuer Verein, der den Namen eines anderen „Deutschen Forums für Mediation“ usurpiert hat, sondern er IST das Deutsche Forum für Mediation, welches sich nun lediglich die Form eines eingetragenen Vereins gegeben hat mit allem, was dazugehört - es gibt da also gar nichts zu verwechseln. Dass BAFM, BM und BMWA sich trotz ausdrücklicher Einladung an der Vereinsgründung nicht beteiligen wollten, war die freie Entscheidung ihrer Vorstände, mit der sie sich selbst bedauerlicherweise von „ihrem“ Deutschen Forum für Mediation verabschiedet haben. Nun wollen sie zwar nicht mehr mitmachen, aber trotzdem noch irgendwie dazugehören? Oder wie ist das gemeint?
2. Kann ein rechtliches Nullum wie das DFfM in seiner früheren losen Kooperationsform überhaupt Namensrechte haben? Und wenn doch, wem gehören die in welchem Umfang bzw. Anteilen, so dass sie durch die Gründung des DFfM e.V. verletzt werden könnten? Den drei ausscherenden Verbänden allein?
3. Schließlich: Wer hat hier wem etwas zu untersagen? Der Sonnenkönig seinem Volk?
Richter könnten das nun entscheiden. Der Konflikt wäre dadurch nicht gelöst, sondern es würden Wunden vertieft und Gräben verfestigt - wer wüsste das besser als MediatorInnen? Ich hoffe daher noch, dass es so weit doch nicht kommt und die Vorstände von BAFM, BMWA und BM das „mediative“ Wort Jesu beherzigen: „Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner, solange du mit ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist.“ (Mt 5, 25). Und ich will mich gerne, so gut ich das vermag, beim DFfM für ein Gleiches einsetzen.
Ich fasse meine Fragen an die Funktionäre der BAFM zusammen:
1.
Was genau verstehen Sie unter „Kooperation mit anderen Mediationsverbänden“?
2.
Wie vertragen sich Ihr Selbstverständnis als MediatorInnen und Ihr Plädoyer für das Konsensprinzip im DFfM mit Ihrer Weigerung, dort weiterhin an Konsensfindungsversuchen teilzunehmen, sowie Ihrer Klagedrohung stattdessen?
3.
Welche Rolle geziemt der BAFM, vertreten durch ihren Vorstand, im Konzert der Mediationsvereinigungen einerseits und gegenüber dem Staat andererseits?
Ich hoffe schließlich, dass sich die vielen Mitglieder in den ganzen Mediationsvereinigungen jenseits aller verbandspolitischen Winkelzüge und vielleicht auch persönli-chen Verletzungen ihr eigenes Urteil bilden und artikulieren werden. Mein vorläufiges und zum Teil noch unfertiges steht hier, zur Anregung und weiteren Diskussion. Es möge nützen! Das wünsche ich mir – und uns.
Dr. Dieter Kostka
Mitglied im FMöB e.V., BM e.V. und in der CfM-GmbH
Der offene Brief als pdf-Datei: kooperation-von-mediationsvereinigungen-offenerbriefdkjuni2009.pdf
Welche Auffassungen und Meinungen haben Sie zu diesem Thema und insbesondere zu den genannten Punkten von Dr. Dieter Kostka? Haben Sie besondere Fragen an die Funktionäre der BAFM oder vom BM oder BMWA? Ich freue mich über Ihre Kommentare!
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22. Juni 2009
Brinkmann